Innerhalb des Informationsnetzwerk Homöopathie – Udo Endruscheit über Aktivismus im skeptischen Bereich

Annika Harrison

Udo Endruscheit ist ein deutscher Skeptiker und sehr aktiv im Informationsnetzwerk Homöopathie (INH). Er ist ein produktiver Schriftsteller und ein Aktivist im Bereich der sozialen Medien. Ich habe mit ihm über seinen skeptischen Hintergrund und seine aktuellen Arbeitsfelder gesprochen.

 


Udo Endruscheit, einer der führenden Mitglieder des Informationsnetzwerkes Homöopathie. Foto von Markus Endruscheit.

Annika Harrison: Hallo, Udo. Kannst du dich kurz vorstellen?

 

Udo Endruscheit: Hallo, Annika. Ich bin einfach ein Skeptiker wie viele andere. Mein spezielles Interessengebiet ist die Pseudomedizin, vor allem die Homöopathie. Als Mitglied des Informationsnetzwerkes Homöopathie bin ich an den Aufklärungskampagnen zur Homöopathie, zu ihrem Ruf und ihren gesetzlichen Privilegien in Deutschland beteiligt. Das INH ist eine Non-Profit-Organisation, die fakten- und wissenschaftsbasierte Informationen über die Homöopathie und ihren angemessenen Platz in Medizin und Wissenschaft (d.h. im Medizinmuseum und nicht in der täglichen Praxis und im öffentlichen Gesundheitswesen) anbietet. Ich bin Autor für verschiedene Plattformen, Blogs und Publikationen, meine Hauptanliegen sind neben der Homöopathie und anderer Pseudomedizin Informationen zum Impfen, die Entlarvung von Anti-Vaxx-Mythen, Gesundheitspolitik und Wissenschaftstheorie.

 

Harrison: Ich weiß, dass Du seit Jahren im Informationsnetzwerk Homöopathie aktiv bist. Gehörst Du zu den Gründungsmitgliedern? Kannst Du näher erklären, was das INH ist?

 

Endruscheit: Ich bin schon fast so lange Mitglied des INH, wie es existiert, bin aber kein Gründungsmitglied. Das INH wurde im Februar 2016 gegründet. Im März 2016 wurde ich eingeladen, meine skeptischen Aktivitäten auf Social Media innerhalb des INH fortzusetzen. Ich glaube, ich war der erste, der dem INH nicht als Gründungsmitglied, sondern auf Einladung beigetreten ist.

Natürlich gab es in Deutschland vor 2016 schon Kritiker der Homöopathie, aber sie waren Einzelkämpfer. Zu dieser Zeit war die Homöopathie hier nahezu unangefochten. Seit 1978 besitzt die Homöopathie ihre gesetzlichen Privilegien, die ihr den Status als Arzneimittel ohne wissenschaftlich belegten Wirksamkeitsnachweis sichert. Die Öffentlichkeit wurde durch Werbung für die Homöopathie über ihre wahren Prinzipien und Hintergründe im Unklaren gelassen, was wurde durch das deutsche Arzneimittelrecht unterstützt, das ihr eine gesicherte Position verschaffte. Unkritische Berichterstattung durch die Medien war die Regel. Ich sage oft, dass die Homöopathen jahrzehntelang die “Lufthoheit” über die Print- und Rundfunkmedien innehatten.

Nie zuvor waren kritische Stimmen zur Homöopathie gebündelt worden. Im Jahr 2016 eröffnete sich jedoch eine Perspektive. Wichtige Bücher von Kritikern waren erschienen (z.B. Dr. Norbert Austs „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ und Dr. Natalie Grams’ „Homöopathie neu gedacht“). Dr. Natalie Grams’ Abkehr von der Homöopathie war in den Medien mit großem Interesse aufgenommen worden. Dr. Norbert Aust war derjenige, der die Kritiker zu einem Treffen einlud, um die aktiven Kritiker stärker zu vernetzen und Ressourcen und Ideen zu bündeln. Etwa dreißig Interessierte kamen zusammen, und am zweiten Tag des Treffens wurde das INH als freier Interessenverband gegründet. Gründungsmitglieder waren neben Dr. Natalie Grams und Dr. Norbert Aust Prof. Edzard Ernst und Amardeo Sarma, Leiter der deutschen Skeptikerorganisation GWUP (auch Fellow des Committee for Skeptical Inquiry und Mitglied von dessen Executive Committee).

Die Informationskampagne des INH begann in den sozialen Medien, sehr schnell war auch eine Website zur Stelle. Glücklicherweise schenkte die Presse der INH-Gründung einige Aufmerksamkeit; die Präsenz von Natalie Grams in den Medien trug ihren Teil zur weiteren Verbreitung bei. Und auf duchaus unerwartete Weise wurde damals die sozusagen verschüttete öffentliche Debatte über die Homöopathie in Deutschland wieder zum Leben erweckt – um es kurz zu machen.

Was gibt es jetzt, vier Jahre später, zu berichten?

Die Expertise des INH und seiner Mitglieder ist in den Medien, in der Wissenschaft und auch in der Politik gefragt. INH-Mitglieder veröffentlichen in renommierten Journalen Artikel über wissenschaftlich fundierte Homöopathiekritik. Die ungerechtfertigte Rolle der Homöopathie im öffentlichen Gesundheitssystem, insbesondere ihr Privileg einer Erstattung durch die Krankenkassen, ist auf der Ebene der Meinungsbildung politischer Parteien angekommen.

Vorträge von INH-Mitgliedern sind nachgefragt, von Bildungseinrichtungen, aber auch von den Organisationen und Vereinigungen des Gesundheitswesens. Natalie Grams wurde vor kurzem zur Jahrestagung der Deutschen Krebsgesellschaft eingeladen, um über die kritische Sicht auf die Homöopathie zu referieren (ein Panel der Tagung befasste sich mit den Risiken pseudomedizinischer Angebote). Interviewanfragen sind inzwischen fast schon Tagesgeschäft.

Die Medienberichterstattung ist hat sich sehr verändert. Vor allem in größeren Zeitungen und Zeitschriften erscheinen gut recherchierte Artikel zu den wirklichen Hintergründen der Homöopathie. Gerade jetzt (Februar 2020) ist eine sehr gute Fernsehdokumentation ausgestrahlt worden, voller Fakten und Informationen und ohne “falsche” Balance (obwohl Homöopathen viel Raum gegeben wurde – zur Demonstration ihrer immer gleichen, unhaltbaren Positionen). Kurz gesagt: Die Debatte hat einen „Spin“ bekommen – zu unseren Gunsten.

Ja, es ist noch nichts Konkretes erreicht worden, was den gesetzlichen Schutzschild und die rechtlichen Privilegien der Homöopathie betrifft, aber der Prozess ist im Gange. Nach meiner Einschätzung ist er bereits unumkehrbar, auch wenn es sicherlich Verzögerungen und Rückschläge gibt. Nicht unerwartet schläft die Homöopathie-Lobby nicht. Die Verteidiger der Homöopathie können jedoch nach wie vor keine konsistenten Argumente vorbringen, die die kritischen Argumente widerlegen oder zumindest zu einer sinnvollen Diskussion führen könnten. Stattdessen hören wir immer wieder die gleichen unhaltbaren Argumente. Dennoch hat die Lobby mit ihren Appellen an die Öffentlichkeit, mit ihrem Lob der “sanften, natürlichen Medizin ohne Nebenwirkungen”, nach wie vor durchaus Erfolg. Sie verfolgt auch den Kurs, Homöopathie-Kritiker, insbesondere das INH und seine Mitglieder, als eine Art Verschwörertruppe darzustellen, die eine geheime Agenda verfolgt. Es wird verbreitet, dass das INH dunkle Interessen und Machenschaften verfolge, dass wir die Patientenautonomie ebenso wie die Therapiefreiheit “abschaffen” wollen. In diesem Zusammenhang erinnere ich an die Abmahngeschichte gegen Natalie Grams, die aufgefordert wurde, nicht mehr zu behaupten, dass ” Homöopathie nicht über den Placebo-Effekt hinaus wirkt” (den ich im vergangenen Juni erwähnte). Nun, diese Geschichte at sich zu einem klassischen Streisand-Effekt entwickelt. Dank der öffentlichen Reaktion auf diese Sache hat die Firma, die ein Redeverbot gegen Natalie Grams verhängen wollte, im Jahr 2019 so gut wie alle Negativpreise der skeptischen Szene abgeräumt. Dennoch sind solche Dinge natürlich sehr ernst zu nehmen.

Aber es gibt konkrete Erfolge. In den letzten Monaten haben einige Landesärztekammern beschlossen, die Homöopathie aus ihren Weiterbildungsordnungen und damit von der besonderen fachlichen Zertifizierung auszuschließen. Das ist ein sehr wichtiges Signal: Die Stellung der Ärzteschaft zur Homöopathie ist von großer Bedeutung, wie das Beispiel Frankreichs zeigt. Insgesamt: Die Debatte ist jetzt in einem wichtigen Stadium, und es scheint, als seien das INH und seine Mitglieder und Unterstützer auf der erfolgreichen Seite.

Natürlich würden wir vom INH uns nicht anmaßen, all dies allein auf unsere Tätigkeit zurückzuführen. Aber die Aktivitäten des INH haben bei all dem eine entscheidende Rolle gespielt – und werden es auch in Zukunft tun. Den Anstoß zu der neuen öffentlichen Debatte über die Homöopathie gaben zweifellos das INH und seine Initiatoren und Gründer.

Natalie Grams bei ihrer Rede für den 34. deutschen Krebskongress 2020. Ihr Buch “Was wirklich wirkt – Kompass durch die Welt der sanften Medizin” befindet sich links von ihr und wurde im Februar 2020 veröffentlicht. Die Rechte des Fotos liegen bei Natalie Grams.

Harrison: Wann und was waren Deine ersten Begegnungen mit Pseudowissenschaft, Pseudomedizin, Homöopathie und skeptischem Denken?

 

Endruscheit: Ich erinnere mich, dass ich zum ersten Mal so mit 14 oder 15 Jahren von der Homöopathie gelesen habe. Ich war vorher nie mit esoterischen Überzeugungen und Pseudo-Medizin indoktriniert worden (dank meiner Eltern), daher war ich nicht nur verblüfft, sondern auch amüsiert. Ich fand es unglaublich, dass ein solcher Unsinn als Methode in und von der Medizin ernst genommen werden sollte. Damals war die Homöopathie noch weit jenseits jeder öffentlich wahrnehmbaren Kritik. Ihr Ansehen als “Naturheilkunde” stieg.

Viele Jahre später begegnete ich der Homöopathie wieder, als meine Frau an Krebs erkrankte. Sie fand hervorragende Therapie und Betreuung in einem unserer deutschen Krebszentren. Aber ich hätte nie gedacht, dass es unmöglich sein könnte, in einer Krebsklinik nicht auf Pseudomedizin zu stoßen.

Ärzte und Pflegepersonal taten ihr Bestes, dennoch waren pseudomedizinische “Alternativen”, meist die Homöopathie, in fast allen Patientenzimmern ein ständiges Gesprächsthema. Das meiste davon wurde von “wohlmeinenden” Verwandten und anderen Besuchern hineingetragen. Ich habe oft mitbekommen, dass Patienten homöopathische Mittel als Ergänzung zur konventionelle Therapie nahmen, in der Regel ohne ein Wort dazu zu ihren Onkologen. Aber es gab einige Fälle, die ihre wissenschaftlich fundierten Therapien abbrachen und sich ganz der Pseudomedizin zuwandten. Besonders in der palliativen Tagesklinik, in der meine Frau ihre letzten Wochen verbrachte, gab es innerhalb kurzer Zeit mehrere Fälle davon. In der Regel mit sehr, sehr schlimmen Folgen.

Das hat mich sehr betroffen gemacht. Nach dem Tod meiner Frau fühlte ich mich motiviert, mich gegen diese Hydra des gefährlichen Unsinns zu engagieren. Ich erweiterte mein Wissen, führte viele Gespräche mit medizinischen und nichtmedizinischen Wissenschaftlern und Skeptikern und versuchte zu verstehen, warum ein offensichtlicher Unsinn wie die Homöopathie (und andere “Alternativen”) in der Öffentlichkeit einen weitgehend positiven Ruf haben kann und warum sie über 200 Jahre mehr oder weniger als Teil der Medizin existieren konnte. Wie es dann weiterging – nun ja, dies überschnitt sich bald mit der Geschichte des Informationsnetzwerks-Homöopathie.

 

Harrison: Du bist mit Skeptikern aus der ganzen Welt in Kontakt. Welche Bedeutung hat das?

 

Endruscheit: Skeptisches Denken sollte und darf nicht an nationalen Grenzen Halt machen. Wissenschaft ist seit langem ein internationales Projekt, und nichts anderes kann für das kritisch-skeptische Denken auf wissenschaftlicher Basis gelten. Und ich bin sehr froh, bei Skeptikern in anderen Ländern die gleichen humanistischen Grundhaltungen anzutreffen, die mich selbst motivieren.

Das INH ist inzwischen in ganz Europa bekannt. Der European Skeptics Podcast (ESP) hat bereits mehrfach über das INH berichtet. Susanne und Norbert Aust vom INH stellten unser Projekt und unsere Familienseite “Susannchen braucht keine Globuli ” im vergangenen Jahr auf dem Europäischen Skeptiker-Kongress in Belgien vor. Erst kürzlich waren sie auf Einladung der tschechischen Skeptiker in Prag zu Gast und hielten einen Vortrag über unsere Aktivitäten. Weltweite Verbindung unter den Skeptikern schafft auch die globale Impfdiskussion. Ein noch globaleres Thema für uns Skeptiker ist wahrscheinlich nur noch der Klimawandel.

Susanne Aust präsentierte das INH und “Susannchen braucht keine Globuli“ in Prag. Die Rechte des Fotos liegen bei “Sisyfos – Český klub skeptiků.”


Menschen wie Pontus Böckman, der Chef der schwedischen Skeptiker, und Stephen Barrett von Quackwatch stehen auf der INH-Unterstützerliste. Nach der Debatte über die Überprüfung der Homöopathie durch das australische NHMRC im Jahr 2015 habe ich freundschaftliche Kontakte zu Tim Mendham von den australischen Skeptikern aufnehmen können. Ich freue mich übrigens besonders darüber, dass ich persönliche Kontakte nach Indien knüpfen konnte, wo der Widerstand gegen die Pseudomedizin, die das dortige Gesundheitssystem in beunruhigendem Maße dominiert, sich zu entwickeln beginnt. Wir freuen uns sehr, einen Gastbeitrag (https://netzwerk-homoeopathie.info/funktioniert-homoeopathie-ein-gastbeitrag-aus-indien/) meines indischen Freundes Abhijit Chanda auf unserer Website veröffentlicht zu haben!

 

Harrison: Ich weiß, dass Du Dich auch für skeptische Wikipedia-Projekte einsetzt und auch Wikipedia-Autor bist. Erzählst Du mir, warum?

 

Endruscheit: Wikipedia ist so wichtig! Ich versuche persönlich, das Vertrauen in Wikipedia zu fördern, indem ich sie einerseits erkläre, warum sie eine Quelle vertrauenswürdiger Informationen ist, andererseits trage ich mit meinen bescheidenen Mitteln auch dazu bei, dass skeptische Informationen auf Wikipedia präsent sind. Ich habe die Wiki-Seite des INH geschrieben und veröffentlicht, ebenso die von Natalie Grams (und zur englischen Version beigetragen), ferner auch andere Seiten von skeptischen Organisationen und Einzelpersonen in Deutschland. Jeder, der zu Wikipedia beiträgt, weiß, dass so etwas ein ziemlich ätzendes Geschäft sein kann. Und in der Tat gab es anfangs viel Widerstand gegen die Seiten von INH, Natalie Grams und anderen.

Es ist noch viel mehr nötig. Auf Wikipedia gibt es noch viel zu wenig Informationen über skeptische Organisationen und skeptisches Denken. Und es gibt immer noch zu viele Fehlinformationen zu vielen Themen. Wie vielleicht bekannt ist, soll die Homöopathie-Wikiseite eine der am häufigsten editierten sein. Dies gilt insbesondere für die US-Seite (wo sich bekanntlich ein gewisser Dana Ullman eine Zeit lang sehr bemüht hatte). Die deutsche Wikiseite zur Homöopathie ist laut Homöopathen ein „Hort der Falschdarstellung“ und eine „Spielwiese für Mitglieder der internationalen Skeptiker-Verschwörung“.

Und deshalb bin ich ein großer Fan des Projekts “Guerilla Skeptics on Wikipedia” und ihrer großartigen Arbeit. Leider habe ich nicht genug Zeit, mich dort “offiziell” zu engagieren. Aber es gibt strategische Überlegungen unter den deutschen Skeptikern, sich mehr auf Wikipedia zu konzentrieren. Ich engagiere mich dabei, soweit es meine Zeit erlaubt.

 

Harrison: Wie schaffst Du es, mit all dem “Master-Minding” beim INH und anderen skeptischen Arbeiten zurechtzukommen? Hast Du Anregungen und Tipps für mich?

 

Endruscheit: Oh, bitte glaube nicht, dass bei mir alles perfekt läuft! Es ist eine Mischung aus Planung und Spontaneität; man könnte auch sagen, eine Mischung aus To-Do-Listen und Chaos! Spaß beiseite, meistens bin ich mit dem “Tagesgeschäft” und mit Dingen beschäftigt, die möglichst aktuell erledigt werden müssen, und deshalb ist es manchmal schwierig, in Ruhe das zu tun, was ich am liebsten mache: recherchieren und schreiben. Oft reserviere ich mir gezielt ein paar Stunden am Tag fürs Schreiben. Das ist mir wichtig, und ich wäre schon frustriert, wenn es mir nicht gelänge.

Aber man darf sich nicht entmutigen lassen. Schließlich machen fast alle Skeptiker ihre Arbeit ehrenamtlich und unbezahlt. Es kommt schon vor, dass ich manchmal das Gefühl habe, es sei gerade ein bisschen (zu) viel. Dann sollte man sich eine bewusste Auszeit ohne schlechtes Gewissen nehmen können. Das ermöglicht, die Gedanken neu zu ordnen und den Kopf frei zu bekommen.

Es ist wichtig, bei der Bewältigung all dieser Dinge maßvoll zu sein (jemand, der mich kennt, wird vielleicht über diesen Ratschlag lachen).

 

Harrison: Wie entspannst Du Dich?

 

Endruscheit: Oh … lass mich mal überlegen … Ja, es gibt etwas, das mir schon immer sehr wichtig war und das ich als Ausgleich zu den skeptischen Aktivitäten nicht missen möchte: Ich bin ein großer Fan klassischer Musik. Es kommt vor, dass ich Artikel schreibe, während Richard Wagners “Ring” im Hintergrund läuft. Manchmal kann ich noch nach einer ganzen Weile sagen, dass das Schreiben dieses oder jenes Artikels die Zeit von zwei Akten der “Walküre” (oder so) in Anspruch genommen hat. Ja, sicher, vielleicht bin ich ein bisschen verrückt …

 

Harrison: Würdest Du sagen, dass Skeptizismus oder auch Homöopathie in Deutschland etwas Spezielles sind, im Sinne von Unterschieden zu anderen Ländern?

 

Endruscheit: Wie Du weißt, ist die Homöopathie in Deutschland ein ganz besonderes Thema im Vergleich zu anderen Ländern. England, Frankreich, Spanien als europäische Nachbarländer haben die Homöopathie aus dem öffentlichen Gesundheitswesen verbannt. Die Homöopathen dort waren natürlich nicht gerade amüsiert, aber ein solcher “Kampf” gegen die wissenschaftlich fundierte Kritik wie in Deutschland kam anderswo nicht auf. Deutschland besitzt inzwischen die “Rote Laterne” in Sachen Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen – und die leuchtet intensiv! Die Debatten subd teils hochemotional, was für einen Gegenstand, der längst wissenschaftlich entschieden ist, völlig unangebracht ist. Wie schon erwähnt, liegt hier eines der Kernprobleme: Es ist schwierig, die skeptischen und wissenschaftlichen Argumente gegen die Homöopathie in einer so hitzigen Atmosphäre sachlich zu vermitteln. Aber wir versuchen es.

Eine Erklärung dafür ist natürlich auch, dass Deutschland das Ursprungsland der Homöopathie ist. Es gibt eine große Tradition, es existiert eine Reihe von Laienorganisationen und Lobbygruppen pro Homöopathie. Der Deutsche Zentralverband homöopathischer Ärzte ist die älteste medizinische Gesellschaft Deutschlands. Dies verleiht der Homöopathie natürlich keinen Glaubwürdigkeitsbonus, denn alt bedeutet nur alt und sagt nichts über Gültigkeit und Evidenz aus. Zudem konnte sich die Homöopathie in Deutschland keineswegs eines gleichbleibendenden Zuspruchs und Rufes erfreuen. Über längere Zeiträume hinweg war ihre Bedeutung marginal. Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es bis in die 1970er Jahre, bis sie wieder eine Rolle zu spielen begann. Zu diesem Zeitpunkt wurde sie mit dem Ruf einer natürlichen, sanften Heilmethode ohne Nebenwirkungen versehen (was in der Tat bis heute in der öffentlichen Meinung tief verwurzelt ist), und sie erhielt das gesetzliche Privileg eines Arzneimittels ohne wissenschaftlichen Wirkungsbeleg. Dieser “deutsche Weg” diente später als Blaupause für die Regelungen zur Homöopathie in der EU-Arzneimittelrichtlinie.

Und die deutschen Skeptiker? Ich denke, es gibt keinen relevanten Unterschied zu anderen Ländern. Vielleicht ist unsere “spezielle Task Force” zur Homöopathie innerhalb der Skeptikerbewegung – das INH – bemerkenswert. Wie schon geschildert, gibt es einen dringenden Bedarf dafür! Natürlich tauchen alle weltweit wichtigen Themen der Skeptiker auch in der Arbeit der deutschen Skeptikerorganisation GWUP auf. Neben der Homöopathie stehen noch andere Pseudomedizin und Pseudowissenschaften – Klimawandel, Glyphosat, das deutsche Spezialthema “Energiewende” (wie man genug Energie ohne fossile Brennstoffe erzeugen kann) und viele andere Themen – auf der Agenda der Skeptiker. Wenn ich mir die Artikel beim Skeptical Inquirer anschaue, nehmen Themen über bizarren Aberglauben bemerkenswert mehr Raum ein als in Deutschland. Und Themen, die in den USA bereits Vergangenheit sind, nehmen in Deutschland gerade erst Fahrt auf; eines davon ist die “Satanic Panic”. Ja, Skeptiker und die GWUP werden auch in Deutschland oft als “dogmatische”, “engstirnige” “reduktionistische Materialisten” (ein beliebter Terminus “unserer” Homöopathen), sogar als “Sekte” hingestellt. Ich schätze, dies unterscheidet sich nicht sehr von der Lage in den USA.

 

Harrison: Wenn jemand so effizient und gelassen arbeiten möchte wie Du, welchen Tipp würdest Du ihm geben?

 

Endruscheit: Vertiefe Dein Ihr Wissen! Lies genug, aber wählen sorgfältig aus! Verschwende keine Zeit, nimm Dir aber genug persönliche Freiräume! Üben Sie sich in Selbstdisziplin, aber quälen Sie sich nicht! Pflege Deine Freundschaften! Sei selbstkritisch und seien Dir Deiner kognitiven Defizite so bewusst wie möglich! Und vor allem, wenn es mal nicht so gut läuft: Keep calm and carry on!

Und denken daran, dass wir Skeptiker in einer humanistischen Mission unterwegs sind: Wir führen keine “Kreuzzüge”, sondern wollen dafür sorgen, dass es möglichst vielen Menschen auf dieser Welt besser geht. Und dafür brauchen wir Empathie und Menschlichkeit – und auch Respekt gegenüber unseren Mitmenschen. Vor allem, wenn sie unsere Ansichten nicht teilen.

 

Harrison: Welches Buch sollte jeder neue Skeptiker lesen?

 

Endruscheit: Es ist sehr schwierig, ein einziges Buch zu nennen, im Grunde ist jeder Tipp schon veraltet, wenn er ausgesprochen wird. Aber ich bin sehr beeindruckt von Steven Novellas Buch „The Skeptics Guide to The Universe“, vor einigen Monaten in Deutschland unter dem Titel „ Gebrauchsanleitung für deinen Verstand“ erschienen. Wenn es eine Art Kernlektüre für Skeptiker gibt, dann ist es dies.

Aber natürlich gibt es noch so viele andere. Mein zusätzlicher Rat: Lest Primärliteratur, die Originalquellen, wann immer es möglich ist!

 

Harrison: Was wären Deine Wünsche für die nächsten fünf Jahre?

 

Endruscheit: Interessanterweise wurde genau diese Frage vor wenigen Tagen in einem Interview an Natalie Grams gestellt. Ich schließe mich ihrer Antwort gerne an:

“Ich bin sehr optimistisch, dass in fünf bis zehn Jahren jeder sagen wird: „Ich habe an die Homöopathie ja nie geglaubt. Mir war immer klar, dass das nur Placebo ist.“ Ich denke, es wird einen totalen Paradigmenwechsel geben, so wie es beim Rauchen der Fall war. Vor gar nicht allzu langer Zeit galt Rauchen als ungefährlich und cool, man hat es in Kneipen akzeptiert. Heute kann man sich das fast nicht mehr vorstellen.”

Abgesehen davon wünsche ich mir vor allem Gesundheit, damit ich meinen “skeptischen Unfug” so lange wie möglich fortsetzen kann.

Annika Harrison

Annika Harrison is a member of Guerilla Skepticism on Wikipedia (GSoW) and of Gesellschaft für wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP; the German Skeptics organization). She enjoys interviewing European and other skeptics, but also writing and improving Wikipedia pages.


Annika Harrison ist ein Mitglied von Guerilla Skepticism on Wikipedia (GSoW) und der  Gesellschaft für wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Sie interviewt gerne europäische und andere Skeptiker, berichtet von Konferenzen und schreibt oder verbessert Wikipediaseiten.